Wissensverlust

Was ist implizites Wissen? Einfach erklärt, mit Beispielen aus dem Mittelstand

Implizites Wissen einfach erklärt: Definition, Beispiele aus dem Mittelstand, Unterschied zu explizitem Wissen und wie Sie Erfahrungswissen sichern.

Alle Ressourcen27. Oktober 20263 Min. LesezeitElias Kroll

Fragen Sie eine erfahrene Kollegin, woran sie erkennt, dass ein Auftrag Ärger machen wird, hören Sie oft: „Das sieht man einfach.“ Genau das ist implizites Wissen, auch Erfahrungswissen oder stilles Wissen genannt. Es ist da, es wirkt jeden Tag, aber es steht nirgends.

Der Philosoph Michael Polanyi hat es so zusammengefasst: Wir wissen mehr, als wir sagen können. Für Unternehmen ist dieser Satz keine Theorie, sondern ein ganz praktisches Risiko.

Implizites Wissen: die einfache Definition

Implizites Wissen ist Wissen, das eine Person anwendet, ohne es vollständig in Worte fassen zu können. Es entsteht durch Erfahrung, durch viele ähnliche Situationen und durch Fehler, aus denen man gelernt hat. Dazu gehören Erfahrungswerte, Gespür, Faustregeln und das Wissen, wann man von einer Regel bewusst abweicht.

Implizites und explizites Wissen: der Unterschied

Das Gegenstück ist explizites Wissen: alles, was sich aufschreiben, ablegen und an andere weitergeben lässt. Prozessbeschreibungen, Handbücher, Checklisten, Stammdaten.

Explizites Wissen Implizites Wissen
Wo es liegt in Dokumenten und Systemen in den Köpfen erfahrener Menschen
Wie man es weitergibt lesen, schulen gemeinsam arbeiten, gezielt nachfragen
Wann es sichtbar wird jederzeit vor allem in Ausnahmen und Krisen
Was passiert, wenn jemand geht bleibt erhalten geht mit der Person

Beispiele für implizites Wissen im Mittelstand

Implizites Wissen ist selten spektakulär. Meist sind es kleine Entscheidungen mit großer Wirkung:

  • Kalkulation: Wer seit Jahren Angebote rechnet, weiß, bei welchem Kunden ein Puffer nötig ist, weil er später immer nachverhandelt.
  • Fertigung: Die Maschine muss bei Kälte anders eingestellt werden. Das steht in keiner Anleitung, aber der erfahrene Einrichter macht es automatisch.
  • Disposition: Bei einem bestimmten Lieferanten ruft man zwei Tage vorher an, sonst kommt die Ware zu spät.
  • Service: Das Geräusch, an dem man erkennt, dass ein Teil bald ausfällt, lernt man nicht aus dem Handbuch.
  • Verwaltung: Wer welchen Sonderfall wie bearbeitet und warum es diese Ausnahme überhaupt gibt.

Warum implizites Wissen so schwer zu sichern ist

Das Schwierige ist nicht, dass Menschen ihr Wissen nicht teilen wollen. Das Schwierige ist, dass es ihnen selbst oft gar nicht bewusst ist. Was jemand seit zwanzig Jahren täglich tut, erscheint ihm selbstverständlich. Deshalb taucht es in Übergaben und Dokumentationen kaum auf.

Dazu kommt: Implizites Wissen zeigt sich vor allem in Ausnahmen. Der Standardablauf ist meist beschrieben. Was in der Ausnahme zu tun ist, fragt im Alltag niemand ab, bis die Ausnahme eintritt und die Person fehlt.

Implizites Wissen sichern: so machen Sie es sichtbar

In der Wissensforschung ist dieser Schritt seit Langem beschrieben: Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi nennen ihn Externalisierung, also das Übersetzen von Erfahrung in Worte, Regeln oder Bilder. In der Praxis helfen dabei vor allem gute Fragen:

  1. Wann tritt die Situation auf? Was ist der Auslöser, an dem man erkennt, dass jetzt etwas anders ist?
  2. Was tun Sie dann? Welche Entscheidung treffen Sie, welche Abwägung steckt dahinter?
  3. Warum? Welche Erfahrung oder welcher frühere Fehler hat zu dieser Regel geführt?
  4. Was passiert, wenn man es nicht weiß? Welche Folgen hat es, wenn jemand Neues hier falsch entscheidet?

Aus den Antworten entsteht eine nachvollziehbare Entscheidungsregel mit ihrem Kontext. Genau dieser Kontext fehlt in den meisten Dokumentationen, und genau er macht das Wissen für Kolleginnen und Kollegen und später auch für KI-Anwendungen nutzbar.

Wo Sie anfangen sollten

Nicht jedes implizite Wissen ist gleich wichtig. Sinnvoll ist es, dort anzufangen, wo drei Dinge zusammenkommen: Der Prozess ist wichtig für das Geschäft, er hängt an wenigen Personen, und es kommen viele Ausnahmen vor. Woran Sie solche Stellen erkennen, lesen Sie in unserem Beitrag Wissensverlust im Unternehmen: 6 Anzeichen, dass Erfahrungswissen verloren geht.

Quellen

  • Michael Polanyi: The Tacit Dimension. Doubleday, 1966.
  • Ikujiro Nonaka und Hirotaka Takeuchi: The Knowledge-Creating Company. Oxford University Press, 1995.

Über den Autor

Elias Kroll

Co-Founder, Head of Customer Experience

Verantwortet bei WisTree Website, Marketing und die Erfahrung der Nutzerinnen und Nutzer mit dem Produkt.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen implizitem und explizitem Wissen?

Explizites Wissen lässt sich aufschreiben und weitergeben, zum Beispiel in Handbüchern, Prozessbeschreibungen oder Datenbanken. Implizites Wissen steckt in Erfahrung und Urteilsvermögen und zeigt sich vor allem im Handeln, besonders in Ausnahmesituationen.

Was sind Beispiele für implizites Wissen?

Typische Beispiele sind das Gespür eines Kalkulators für Kunden, die nachverhandeln, die Einstellung einer Maschine bei Kälte, der Anruf beim unzuverlässigen Lieferanten zwei Tage vorher oder das Geräusch, an dem eine Servicekraft einen bevorstehenden Ausfall erkennt.

Kann man implizites Wissen überhaupt dokumentieren?

Nicht vollständig, aber zu einem großen Teil. Entscheidend sind die richtigen Fragen: Wann tritt eine Situation auf, was tun Sie dann, warum und was passiert, wenn man es nicht weiß? So wird aus Bauchgefühl eine nachvollziehbare Entscheidungsregel.

Ist implizites Wissen nur in der Produktion wichtig?

Nein. Es steckt überall dort, wo Menschen abwägen und entscheiden: in Vertrieb, Kalkulation, Disposition, Service, Einkauf oder Verwaltung. Wo viele Ausnahmen vorkommen, ist es meist besonders wichtig.

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